Das Erbe von 1968ff.

Zum Verhältnis von Klassen- und Identitätspolitik

„Die Linke ist ein am Boden liegender Kadaver, der stinkt.“ (Jean-Paul Sartre)

Rechenschaftsbericht

I. Ein Gespenst steht still und stumm

50 Jahre 1968: Die Neue Linke ist alt geworden. Alle möglichen Erzählungen haben sich versammelt, um diesem Jubiläum einen Sinn, eine Deutung zu geben, um mit Lob oder in Verachtung zu sprechen. Liegt es doch schon so lange zurück. In diesem Erinnern wird häufig verdrängt, was unausweichlich folgte: dieses 1969. Das Jahr, in dem um das Erbe dieses Aufbruches unversöhnlich gestritten wurde. Diese „Depressionsphase“ (Hans-Jürgen Krahl), in der all die Euphorie und weltrevolutionären Omnipotenzphantasien verflogen waren – wie ein Kater nach durchzechter Nacht. In diesem Jahr erwachte die Melancholie, dass dieser eine Augenblick, der alles hätte wenden können, verpasst worden sei. In diese Trauer und erlebte Ohnmacht, dass die deutschen Zustände weitaus zäher und nicht plötzlich zu überwinden seien, mischte sich die Beschwörung eines Bruches, der nun endlich zu vollziehen sei: Die Linke ist tot! Es lebe das Neuere, die neuste Linke! Das Erbe von 1968 bildete sich in dieser Beschwörung, dass damals noch die Möglichkeit der revolutionären Einheit bestanden habe, und in der Abkehr von diesem Erbe, dass mit diesen kleinbürgerlichen Phantasmen und langen Haaren Schluss sei und der Aufbau der revolutionären Organisation jetzt erst anstünde.

Auf der letzten Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) im November 1968 wurde an unterschiedlichen Fronten eröffnet, dass diese Neue Linke mit ihrem Veralten konfrontiert sei – ausgerechnet in Hannover, Hangover. Die Alte Linke war damals noch als sozialdemokratischer Reformismus oder als autoritäre Kaderpartei bekannt, die durch den SDS als Organisationsformen überwunden worden seien. Aber auf dieser Konferenz wurde der Verdacht geäußert, der SDS sei in seiner jetzigen Form hoffnungslos veraltet. Machte man so weiter, dann würde man selbst hinter die Phase von 1965 zurückfallen. Während einige Redner der Konferenz skandierten, dass kein Rückfall erfolgen dürfe, stand das Alte ausgerechnet in den eigenen Reihen auf.

Als ein Ausdruck dieses alten Neuen wurde ein lustvoll ausgerufener Aktionismus als Gegner ausgemacht, der sich zu sehr um partikulare Probleme kümmere, zugespitzt: der den eigenen Orgasmus höher gewichte als die gesellschaftlich wirksame Aktion. Auf der anderen Seite wurde das neue Alte in einem „Seminarmarxismus“ (Bernd Rabehl) erkannt, der erst praktisch werden wolle, wenn die nächste Lektüre endlich vollzogen, wenn endlich in kritischer Theorie begriffen, was und wie etwas in gesellschaftlicher Praxis zu tun sei. Mit diesen Kinderkrankheiten solle nun endlich abgerechnet werden. Bereits im November 1968 formierten sich die Vorläufer der K-Gruppen, der maoistischen Kleinstparteien, oder jene gepanzerten Intellektuellen, gewappnet für den langen Marsch durch die Institutionen.

Die Front verlief nun nicht mehr zwischen Alter und Neuer Linker, sondern vervielfältigte sich in der Neuen Linken, ging durch Gruppen, Freundschaften, Wohngemeinschaften oder Liebesbeziehungen: die kleinen Gruppen aus der Provinz gegen den großstädtischen Erfahrungsschatz, der Wunsch nach einer strafferen Organisation gegen die Ablehnung des theoretisch-praktischen Leistungsdrucks, das Insistieren auf einer Steigerung der Militanz gegen die Geduld der angemessenen Schritte, die feministische Kritik gegen die Sorge um den „Hauptwiderspruch“ zwischen Arbeit und Kapital. Schon im November 1968 sprach man von der „Organisationsdebatte“, so als ob die eigene Fraktion die Lösung schon wüsste oder als ob noch gar nicht zu wissen sei, was nun getan werden könnte. Was uns nun interessiert, ist dieses Jahr 1969 – das danach Kommende.

II. Extrem und Wahrheit

Dieses Kommende steht dafür ein, dass das Erbe von 1968 nur dann anzutreten ist, wenn wir mit ihm brechen, es radikal in Frage stellen. So kommuniziert dieses 1969ff. untergründig mit unseren aktuellen Streits: Wir wissen auch nicht, wie es weiter geht. Wir wissen noch nicht einmal, ob wir dieses Erbe angetreten oder es ausgeschlagen haben werden. Gegenwärtig ist das Erbe von 1968 vielfach in Frage gestellt: Nicht nur in der Bundesrepublik, sondern im Westen insgesamt wird proklamiert, dass es gerade die Neue Linke gewesen sei, die uns das aktuelle Elend, diesen sogenannten „Rechtsruck“ eingebrockt habe. Der „Siegeszug“ der Linken an den Universitäten sei mit der Entfremdung von proletarischen Milieus einhergegangen. Das Einlassen auf all die sich artikulierenden Minderheiten habe die im Entstehen begriffene Generallinie verwischt.

Verdichten wir diese Erzählung über den Verfall der Neuen Linken in einem Extrem, das als Lösung für die Probleme dieses Erbes auftritt: das Eintreten für eine Klassenpolitik, die sich endlich wieder den Problemen der Lohnabhängigen zuwende und sich nicht mehr in Diskussionen verliere, die nur denen zugänglich seien, die einem akademischen Plenum folgen könnten. So habe die Neue Linke den reaktionären Kräften den Boden bereitet, den Abgehängten oder Prekarisierten signalisiert, dass sie nicht länger für sie Partei ergreife, sondern sich um andere Minderheiten kümmere. Die Neue Linke habe durch die Fokussierung auf „Randgruppen“ als das widerständige oder revolutionäre Subjekt ihre Marginalisierung vorangetrieben, sich in subkulturelle Sphären zurückgezogen und sich in bestimmten Stadtvierteln eingerichtet.

Dem gegenüber stünde ein anderes Extrem, welches eine Klassenpolitik gerade in der Bundesrepublik für erledigt erklärt, da antisemitische, rassistische, sexistische, homo- oder transphobe Ideologien so in der Bevölkerung verankert seien, dass allenfalls die Organisation der eigenen Milieus anstünde. Im Wesentlichen bedeute dies, den antifaschistischen Selbstschutz zu garantieren. Diese Position kann auch weniger offen identitätspolitisch auftreten und sich mit Versatzstücken kritischer Theorie ausrüsten, so tun, als wäre die Rede von einem revolutionären Subjekt historisch erledigt durch die Barbarei Nazideutschlands. Oder sie kann die Analyse und Kritik der ‚imperialen Lebensweise‘ aufgreifen und darauf verweisen, dass der Kuchen, der hierzulande gerechter verteilt werden sollte, seine Existenz einer Ökonomie des Neo- oder Post-Kolonialismus verdanke, dessen Logik soziale und ökologische Verwüstungen auf weiten Teilen der Welt schon jetzt zur Folge habe.

In solchen Formen des Linksradikalismus wird das Beharren auf dem Klassenkampf als ein Verkennen der integrativen Kraft des Kapitalverhältnisses (in den westlichen Metropolen) verstanden. Eine Klassenpolitik kommt für solche Gruppen nicht mehr in Frage. Die Rhetorik oder die Formierung einer Partei der arbeitenden Klasse erscheint ihnen als romantischer Trip, der sich von den deutschen Zuständen gelöst habe – als Träumerei auf den Pariser oder Turiner Barrikaden; 1968 oder 1969 – das ist dabei nicht so wichtig. Dieser „Identitätspolitik“ (im Sinne einer wahrhaften Aufklärung oder Emanzipation) geht es nicht um eine Vergangenheit, in der noch Proletarier*innen für die befreite Gesellschaft stritten. Gegenwärtig bestünde diese Option – nicht mehr. Diese Aufgabe der Klassenpolitik bedeutet eine Pflege der eigenen oder eine Sorge um die eigene Identität, ob nun als Kollektiv der Frauen, als Organisation der Migrant*innen oder als kritisch-theoretische Intellektuelle.

Im Falle dieser Intellektuellen besteht die Pflege des Erbes darin, eine theoretische Flaschenpost, polemische Flugblätter zu schreiben, die an einen eingebildeten Zeugen aus ferner Zukunft gerichtet sind: „Wir hätten Recht gehabt, wären wir wirksam gewesen.“ Eine uneingestandene Melancholie drückt sich darin aus: Die Versuche, Mehrheiten in diesem Land zu organisieren, seien gescheitert, so dass es darum gehe, in den Milieus, in denen man einflussreich sei oder gelesen werde, bessere Formen des Zusammenlebens oder der Solidarität, der Aufklärung oder Achtsamkeit zu organisieren: bessere Lesekreise oder eine besonders schön gestaltete Veranstaltungsreihe.

So als Extreme gedacht stünde die klassenpolitische Variante für die unbedingte Schaffung von Mehrheiten, selbst wenn dadurch die eigenen theoretische Erkenntnisse unterboten oder verunreinigt werden würden. Das identitätspolitische Extrem stünde für die unbedingte Sorge um dieses „Patchwork der Minderheiten“ (Francois Lyotard) – als dringlichste Aufgabe des Linksradikalismus. Das Absurde ist nun, dass beide Extreme das Erbe von 1968 für sich beanspruchen oder für sich ausschlagen könnten. Beide Positionen sind als Verräter*innen und Bewahrer*innen lesbar.

III. Von Kastrationsdrohungen und Mackertum

Aber dieser postulierte Gegensatz von Identitäts- und Klassenpolitik ist nicht loszulösen von Formen der Verdrängung. Dieser Gegensatz ist selbst ein Mythos, der es uns zwar erlaubt, das Böse oder den Verrat zu konkretisieren, jedoch abstrakt bleibt. Gehen wir noch einmal auf diese Delegiertenkonferenz im November 1968 in Hannover. Betreiben wir etwas Aufklärung:

Dort kursiert ein Flugblatt mit dem Titel „Rechenschaftsbericht“. Dieser Bericht sorgt für Belustigung, hämisches Prusten, bleiche Gesichter, Wutanfälle. Christian Semler deutet ihn als „kleinbürgerlichen feministischen Aktionswahn“, der trotz des berechtigten Wunsches nach „Separierung“ von den Männern, „in einer endlosen Selbstbespiegelung von kleinbürgerlichen Frauen [unterzugehen droht]“. Der sich durch das Flugblatt des Frankfurter Weiberrates von Kastration bedroht wähnende Reinhold Oberlercher, der später als „Nationalmarxist“ und Neofaschist reüssieren wird, fordert unter Berufung auf die maskulinistische Penetration: „Statt meinen Schwanz abhacken zu lassen, möchte ich ihn natürlich lieber in die Scheiden der Genossinnen stecken, das ist ’nen ganz natürliches Bedürfnis. Aber das selbst ist eine Frage der Produktion und wir haben das materialistisch zu analysieren (schallendes Gelächter) – Ich finde das nicht zum Lachen. […] Und daß diese ganze Sache aus der bürgerlichen Kastrationsdrohung und der Penissymbolik herauskommt. Denn damit reproduzieren die Genossen haargenau das, den Mechanismus, mit dem wir repressiv erzogen worden sind, denn mit der Kastrationsdrohung sind wir erzogen worden. Und das finde ich Scheiße.“

Die angegriffenen Theoriehengste reagierten panisch, verbal übergriffig, gewalttätig. Diese Szenen verweisen darauf, dass ein Ereignis namens 1968 nicht einfach zu affirmieren ist. Es ist einfach nicht wünschenswert, wenn wir uns diesen SDS als ein Vorbild denken oder nostalgisch werden, wenn wir über diese Vergangenheit sprechen. Dieses Erbe steht nicht für eine neue Klassenpolitik oder Identitätspolitik ein, sondern fordert gerade diesen Gegensatz heraus, überspitzt ihn, treibt ihn über sich hinaus. Die Forderung des Frankfurter Weiberrates lässt sich nicht auf eine bloße oder reine Identitätspolitik bringen: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“

Die Parole ist insofern auch klassenpolitisch zu lesen, weil gerade die autoritären Strukturen im SDS eine Hierarchie festschrieben, in der Sorgetätigkeiten selbstverständlich delegiert werden, in der herumgeschrien wird, so als ob ein ordinärer Jungmännerbund sich hier versammelt: „Ihr perpetuiert individuell und SDS-strukturell Kommunikationszustände, die es uns nicht gestatten, uns kollektiv an politischen Entscheidungen diskutierend zu beteiligen. Euer Verhalten trägt gegenwärtig dazu bei, unsere Solidarität zu gefährden, uns wieder zurückzuwerfen in individuelle Isolierung“ (Mona Steffen). Wie misogyn die Zustände der Konferenz im November 1968, vor 50 Jahren waren, verdeutlicht die Kandidatur Antonia Grunenbergs. Erinnert sich jemand an sie? Sie kandidierte „für einen der fünf Sitze im SDS-Bundesvorstand […], ihre Frankfurter Genossen [setzten] ihr hinter den Kulissen so böse zu, daß sie, dem Zusammenbruch nahe, ihren emanzipierten Anspruch aufgab“ (Spiegel 48/1968). Die Parolen des Weiberrates störten ganz empfindlich diese maskuline Selbstbespiegelung, die selbstherrlich „die Frauen“ zu jenen „kleinen Gruppen“ zählte, deren Anliegen zwar wichtig, aber auch nicht allzu ernstzunehmen seien.

Es mag paradox klingen, aber Oberlercher hatte Recht, wenn er dies als eine Frage der Produktion behandelt. Nur versteht er es so, als wäre der sexuelle Akt der Penetration bereits der Höhepunkt der materialistischen Analyse, so als ob die sexuelle Produktion bloß als männliche Penetration zu verstehen sei – und mit der Kastrationsdrohung keine Scherze gemacht werden dürften. Da spricht durch den Theoretiker ein Phallozentrismus, der mit Gewalt und der Verachtung der weiblichen Sexualität verbunden ist. Schließlich geht es bei diesem Akt im Wesentlichen um Reproduktion. Nicht nur um die eines holden Gattungswesens namens Mensch oder um die der Arbeitskraft, sondern auch um die Reproduktion von „Beziehungsweisen“ (Bini Adamczak), die auf diese Wiederholungen angewiesen sind, die sich nur durch all diese Differenzen vollziehen: in der Differenz von Aktivität und Passivität, von Weiblichem und Männlichem, von Natürlichem und Gesellschaftlichem, von Herrschenden (Theoriehengste und andere Klassen) und Beherrschten. Wenn Oberlercher belehren will, dann zeigt er damit, wie verstaubt seine Analysen, wie maskulinistisch seine Wahrnehmung ist. Sich so über das Flugblatt aufzuregen, überhaupt nicht zu verstehen, dass es sich der Übertreibung und der Ironie bedient, um unerträgliche Zustände noch zu überspitzen – das bedeutet: heillos überfordert zu sein. Diese Männer, die sich sonst virtuos und monologisierend durch die Gesamtausgaben des Marxismus und Hegelianismus bewegten, verstanden den Flugblatttext einfach nicht.

Die Sprache des Flugblattes ist in einem guten Sinne Literatur: Es besteht nicht aus einer Argumentation, die sich strikt an den revolutionären Vätern orientiert, sondern auch diese für die Kastration freigibt. Ihre Namen werden mit all den SDS-Granden aufgezählt, die mit ihren Monologen die Szenerie beherrschten. Es geht weniger um eine Ableitung im Sinne einer marxistischen Tradition, sondern um den Ausdruck eines Leidens an diesen Verhältnissen – auch an den Verhältnissen der revolutionären Organisation und ihrer Debattenkultur. Das Flugblatt klagt nicht einfach die Anderen an, sondern kritisiert vor allem sich selbst, eine anzunehmende Identität oder Einheit der Frauen: „wir machen das maul nicht auf ! / wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus ! / wenn wir es auflassen, wird es uns gestopft, / mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischer kinderliebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellem pathos, sozialistischer lebenshilfe, revolutionärem gefummel, sexualrationellen argumenten, gesamtgesellschaftlichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich – GELABER !“

IV. Das Ende ist näher als der Anfang

Gelaber – schärfer könnte das Problem dieses Erbes von 1968 nicht formuliert werden. Die sich formierende feministische Kritik wurde eben nicht als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden, sondern die Kritisierenden wurden selbst pathologisiert, das Problem privatisiert, so als ob hier eine kleinbürgerliche Familienstreiterei zu beobachten sei: „kotzen wir´s öffentlich aus: sind wir penisneidisch, frustriert, / hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, / zukurzgekommen, irrational, penisneidisch, lustfeindlich / hart, viril spitätg [sic!], zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, / penisneidisch, penisneidisch penisneidisch, penisneidisch“. Ist das eine Kaskade von Fragen? Eine Wiedergabe desjenigen, was sie sich schon durch das ganze 1968 hatten anhören müssen? All diese psychoanalytischen Phrasen, diese Diagnosen eines bösartigen Minderwertigkeitskomplexes zeigen, dass auch die antiautoritären Theoretiker nicht darauf reflektierten, „daß die Mittel, mit denen sie versuch[en], Autoritäten abzubauen, selber wieder autoritäre Strukturen reproduzieren“ (Hans-Jürgen Krahl).

Die angedachte sexuelle Befreiung, die sich vollmundig auf Sigmund Freud, Wilhelm Reich oder Herbert Marcuse berief, war eine Herrenphantasie, die ohne weibliche Knechte nicht auskam. Das Neue dieser Linken war das Alte des Patriarchats, die Verdrängung der weiblichen Sexualität, der Klitoris, die Abwertung der Hausarbeit. Eine Sexualität, die erhöht wurde, wenn es um männlich bestimmte Vollzüge ging, und die ein unbekannter Kontinent war, wenn es um Frauen als Subjekt dieser Vollzüge ging. Der Appell, doch die kleinbürgerlichen Parolen von „den“ Frauen aufzugeben, diese Identitätspolitik bleiben zu lassen, reflektierte einfach nicht darauf, dass es sich dabei um eine identitätspolitische Forderung handelte. Wer das Partikularinteresse als allgemeines ausgibt, dass doch die Totalität der Produktionsverhältnisse ohne die sexuelle und familiäre Reproduktion zu thematisieren sei, der hatte mindestens keinen Begriff von der Totalität der kapitalistischen Re-Produktionsweise.

Diese Patriarchen reklamierten für sich die Klassenpolitik, indem sie eine feministische Kritik als kleinbürgerlich denunzierten, als Bedürfnisse bürgerlicher, aber nicht proletarischer Frauen. Proletarische Frauen hätten gar keine Zeit, nicht die Ressourcen, um solche abstrusen Forderungen zu formulieren. Aber für welche proletarischen Frauen sprachen diese Vorstandsvorsitzenden? Hatten sie je mit einer gesprochen, sie ernstgenommen? Sie hatten dafür Clara Zetkin gelesen und Friedrichs Engels „Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“. Mindestens das.

Eine theoretische Reflexion, die wirklich die Abgründe der gesellschaftlichen Praxis in all ihren Unterschieden durchdenkt, die weiß darum, dass sich die Widersprüche der Gesellschaft auch in revolutionären oder linksradikalen Organisationen reproduzieren werden. Unausweichlich. Leidet jemand an etwas und diese Person wird dafür verlacht, oder wird von Frauen gefordert, sie sollten mal ihre Partikularinteressen reflektieren, so dass sie wieder auf die allgemeine Linie kämen, dann wird im Sinne einer Identitätspolitik argumentiert: Der (weiße) Mann als der vernünftige Theoretiker wüsste schon, was zu tun sei. Das Bild der Identität des klassenbewussten Gedankenarbeiters wird hier entworfen, um es gegen eine Identität der „kleinbürgerlichen“ Frauen zu stellen. Reflektiert eine Klassenpolitik nicht darauf, dass sie stets als Artikulation einer bestimmten Identität auftritt, bedeutet sie für Andere Leiden: „frauen sind a n d e r s !“, so der vieldeutige Abschluss des Haupttextes des Flugblattes.

V. Das Erbe in all seiner Nachträglichkeit

Diese Praktiken des Erbens sind gegenwärtig. Wenn in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit eine bedeutende Politikerin der Linkspartei von „abgehobenen Gender-Diskursen“ spricht oder dem „Queerfeminismus“ in Flugblättern paraakademischer Gruppen der Krieg erklärt wird, dann bedarf es einer Reflexion auf die Geschichte der Linken nach 1968ff. Solche Strategien, die zu einer Rückkehr aufrufen, die sich auf eine vergangene Form des Sozialstaates oder der sozialen Marktwirtschaft, eine maßvolle Gleichstellungspolitik beziehen, wollen nicht über Transphobie oder Intersexualität sprechen, weil dies möglicherweise einen imaginären Abgehängten verschrecken könnte, der dann vielleicht AfD wählt; oder sie basteln den Strohmann namens die gegenwärtige Linke, die als monolithischer Block der Regression diene. Die Streitpunkte vervielfältigen sich an dieser Stelle: Migration ist nicht nur ein weiteres, sondern zentrales Feld in diesen Auseinandersetzungen. Der Umgang mit einem gesellschaftlich wirksamen Rassismus, mit einem staatlichen Abschiebeapparat und einer europäischen Grenzsicherung, die keine Probleme löst, aber neue schafft, die Tote nicht nur in Kauf nimmt, sondern dafür verantwortlich ist. Aber auch die Frage und dies ist dem gegenwärtigen Handgemenge in der Linken wesentlich: Was es für eine Organisierung braucht, was für eine Form sozialer Bewegung, die diesen elenden Zustand irritieren und aufheben könnte?

Es ist für uns ein Ausgangspunkt, nicht (mehr) vom Gegensatz von Klassen- und Identitätspolitik auszugehen. Betrachten wir die unterschiedlichen Praxen und theoretischen Aufarbeitungen der sich streitenden Akteur*innen, dann sehen wir einen großen Bereich, der sich nicht einem Extrem von Klassen- oder Identitätspolitik zuordnen lässt. Wir müssen Mischungsverhältnisse anerkennen, ein unübersichtliches Handgemenge, was weniger als Lösung, denn als unsere Ohnmacht erfahrbar ist. Eine Linke, die emanzipatorische Klassen- und/oder Identitätspolitiken vollzieht, erfährt die gesellschaftlichen Grenzen der gegenwärtigen Kräfteverhältnisse. Dabei handelt es sich leider nicht um ein „Linkskartell“ oder die große Verschwörung der linken, grünen, genderistischen oder migrantischen Milieus, sondern um die organisierte Traurigkeit des Neoliberalismus, die Dominanz kapitalistischer Strategien der Spaltung und Vereinzelung.

Wir brauchen eine Diskussion um das Verhältnis von Identitäts- und Klassenpolitik, die die unterschiedlichen Milieus, Fragmente einer gesellschaftlichen Linken in die praktische Streiterei bringt, in einen abgründigen Dialog, der sich dem Verdrängten stellt, es aushält, dass es nicht mehr die einzige mythische rote Fahne sein wird, unter der wir uns sammeln werden. Es steht keine Weltrevolution oder großartige Veränderung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse auf der Tagesordnung, sondern eine Aufarbeitung unserer Vergangenheit, um diese komplizierte Gegenwart zu begreifen, um praktisch mit ihr verändernd umzugehen.

VI. „Mach’ doch mal eine Diskussionsveranstaltung“

Wir, die Gesellschaft zur Erforschung der Nachträglichkeit, planen für das Frühjahr 2019 eine Veranstaltungsreihe, die in verschiedenen Orten Hamburgs stattfinden wird. Wir haben Referent*innen eingeladen, die sich auf den unterschiedlichen Problemfeldern der gegenwärtigen Theorie(n) und Praxen bewegen werden, um mit ihnen das Erbe von 1968ff. zu diskutieren. Versammelt sich das Erbe von 1968ff. im Bruch, in der radikalen Infragestellung des Bestehenden und der Vervielfältigung der Kritik, dann hoffen wir, keinen „Zwischenruf eines Genossen“ zu vernehmen, der damals im November 1968 erkannte, was unbedingt selbst im Jahr 2019 zu vermeiden ist: „Ihr seid doch alle milieugeschädigt […], das ist ’ne reine Männerkonferenz! (Die Mehrheit stimmte anschließend für Abbruch der Debatte und Wiederaufnahme der Hochschuldiskussion, d.Hrsg.)“.

Wenn sich eine gesellschaftliche Linke organisierte, dann in der Artikulation ihrer Leiden an der gesellschaftlichen Linken. Ihre Haltung ist darum der Melancholie verwandt, auch wenn dabei nicht vergessen werden sollte, dass man sich auch melancholisch gestimmt ganz gut in den bestehenden Verhältnissen der ‚imperialen Lebensweise‘ einrichten kann. In aller Nachträglichkeit haben wir diese Niederlagen, das Scheitern aufzuarbeiten, das Desaster, was die Linke der Bundesrepublik je und je wieder war. Die Linke organisiert sich im Gegensatz zur Rechten als Partei der Schwachen, als Partei der Schwächen: Sie verachtet nicht den Streit, sondern die stickige, dumpfe Einheit, die ursprüngliche, nicht-entfremdete Identität, die wie ein röhrender Hirsch oder ein vertrottelter Eber die Bühne betritt. Eine Linke wird die Melancholie nicht mit Heroismus niederringen wollen, nicht alles dem Sieg verschreiben, sie wird stets radikal, aber nur im Notfall konsequent sein.

Eine Linke ist die Partei des Zweifelns, des Unbehagens. Sie ist Partei eines leidenschaftlichen Handgemenges, das eben nicht in schwülstigen Bildern eine befreite Gesellschaft malt. Der Partei des Zweifelns ist das Pathos fremd, sie spricht nicht als Hahnenschrei, eher mit dem in das Dunkel vorausgeschickten Ruf einer Eule. Verkopft und traurig, weil sie immer in der Abenddämmerung, der Nacht zu ihrem Flug anhebt. Das kann enttäuschend verlaufen, weil wir doch nicht so viel erkennen können, weil wir es verfehlen, uns missverstehen werden. Aber das können wir nur wissen, wenn wir die Dämmerung als unseren Zustand anerkannt, wenn wir es getan haben werden, in aller Nachträglichkeit.

„‚Alle Macht den Zwittern! (Lachen)’ (Mehrere Genossinnen)“

Gesellschaft zur Erforschung der Nachträglichkeit

Hamburg, in einem November nach 1969

Die meisten Zitate entstammen den Mitschriften aus der Konferenz des SDS im November 1968. Sie sind unter dem Titel „Django und die Tradition“ erschienen, als Film und als Text.

Die Passagen zur Melancholie wurden aus dem Artikel „Melancholie II“ aus dem Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus kopiert.

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