Sprache der Kritik – Kritik der Sprache? Zur Sprachphilosophie der kritischen Theorie

Workshop am 7. und 8. November an der Universität Hamburg

„Philosophie, die nicht Sprachphilosophie ist, kann heute eigentlich überhaupt gar nicht vorgestellt werden.“ (Theodor W. Adorno)

In kritischer Theorie ist der Begriff der Sprache umstritten. Das, was unter dem „linguistic turn“ kritischer Theorie nach Habermas verstanden wird, gilt als eine Aufgabe kritischer Theorie: Während die einen es als Herausforderung begreifen, sich um die Sprachlichkeit kritischer Theorie zu bemühen und eine Arbeit am Begriff der Sprache zu vollziehen, sprechen andere davon, dass mit dieser Hinwendung zu „sprachlichen“ Problemlagen die Form kritischer Theorie aufgegeben werde.

Es scheint, als ob das Sprechen über Sprache einem schöngeistigen Eskapismus gleichkäme: Statt über die „eigentlichen“ Gegenstände Urteile zu fällen, um die Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse zu erstreiten, beschäftige man sich bloß mit dem Sprechen selbst. Allerdings kehrt in vielen Auseinandersetzungen mit diesen vermeintlich „eigentlichen“ Gegenständen das Problem der Sprache wieder, auch oder gerade in den unterschiedlichsten Aneignungen kritischer Theorie:

Sitzt man der Illusion einer gerechten Sprache auf, wenn Unterstriche oder generell eine gendersensible Sprache gefordert werden? Welche Wirkung hat Hate speech, ist sie bloß die Wiederholung bestehender Verhältnisse? Bedarf es der „Gewalt“ der Sprache, um gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern? Gibt es Widersprüche, die vor oder jenseits der Sprache bestehen? Wer von sich behauptet, kritische Theorie zu betreiben, dürfte in Bezug auf die Sprache oder das Sprechen mit einigen Problemen konfrontiert sein.

Daher wollen wir uns im November mit Euch einigen grundlegenden Fragen der Sprachphilosophie kritischer Theorie und Praxis widmen. In einem zweitägigen Workshop soll anhand des einführenden Textes von Jan Müller „Begriffliches Sprechen. Zur sprachphilosophischen Grundkonstellation der frühen Kritischen Theorie”[1] nachvollzogen werden, inwiefern Adornos oder Benjamins Überlegungen einen angemesseneren Begriff der Sprache entwickeln als bestimmte aktuellere Formen kritischer Theorie – und deren Probleme mit diesem Gegenstand aufheben. Jan Müllers Text bietet nicht nur eine luzide Interpretation dieser Sprachphilosophie, sondern argumentiert verständlich, warum Sprache ein notwendiger Gegenstand kritischer Theorie und Praxis sein muss. Er erläutert, warum Sprache logisch-begrifflich „unhintergehbar“ ist, weswegen wir also Denken überhaupt nicht ohne Sprechen begreifen können. Darüberhinaus wird deutlich gemacht, weswegen Adorno und Benjamin in einer bestimmten Form philosophieren und schreiben – und warum diese Form mitsamt der Schwierigkeiten, die sie einer Lektüre bereiten kann, als wesentlicher Ausdruck einer emanzipatorischen Praxis der Theorie zu verstehen ist.

 

Vorgehen und Ablauf

Gegenstand des Workshops ist ausschließlich der Aufsatz von Jan Müller. Das mag ungewöhnlich erscheinen, doch ermöglicht die geringe Textmenge eine intensive gemeinsame Lektüre. Durch ein möglichst genaues Verständnis dieses Textes wollen wir uns den aufkommenden Fragen widmen – jede dumme Frage ist erwünscht. Es soll weder um alle denkbaren Probleme kritischer Theorie gehen noch um andere Sprachphilosophien. Wir wollen so nicht nur gewährleisten, dass möglichst viele mitsprechen können, sondern dass wir auch zu – wie auch immer vorläufigen – Resultaten kommen. Workshops zur kritischen Theorie zeichnen sich ja nicht selten dadurch aus, dass es viele spannende Interpretationen Adornos oder Benjamins gibt – genau das erschwert aber auch ein gemeinsames Sprechen und eine gelingende Verständigung. Indem wir uns auf eine Textgrundlage fokussieren, wollen wir diese Schwierigkeiten minimieren. Einzige Teilnahmevoraussetzung ist daher, den Text gründlich gelesen zu haben – gerne mit vielen Fragezeichen am Rand. Der Text wird bei der Anmeldung zum Workshop zur Verfügung gestellt.

In kleinen Gruppen möchten wir am Samstag, den 7. November, gemeinsam zunächst ein allgemeines Textverständnis des Aufsatzes von Jan Müller erarbeiten. Grundsätzliche Fragen zum Argumentationsgang oder zu einzelnen Formulierungen können dabei diskutiert werden. Das bietet Gelegenheit, allgemeine Verständnisprobleme zu klären und verschiedene Auffassungen zu diskutieren. Die dabei aufkommenden Fragen und Thesen sollen festgehalten und am Ende in einem gemeinsamen Plenum allen Teilnehmer_innen zugänglich gemacht werden.

Am Sonntag, den 8. November, wollen wir dann wiederum in Kleingruppen jeweils einer spezifischen Frage der Sprachphilosophie der kritischen Theorie nachgehen. Dafür haben wir mögliche Fragestellungen vorbereitet (siehe unten). Weitere Vorschläge können eingebracht werden.

Bei Interesse und Bedarf an vertiefenden Diskussionen besteht die Möglichkeit, einen Anschlussworkshop zu planen.

Der Workshop findet in Räumen der Uni Hamburg statt. Treffpunkt ist das Foyer des Gebäudes mit der Anschrift: Von-Melle-Park 5, 10 Uhr. Er ist auf 30 Personen begrenzt, um eine gute Diskussion im Plenum und vor allem in den Kleingruppen zu gewährleisten, die nicht mehr als sechs Personen umfassen sollten.

Wir werden keine_n bevorzugen, sondern einfach danach gehen, wer sich zuerst anmeldet. Falls Übernachtungsmöglichkeiten benötigt werden, bemühen wir uns, kostenlose oder preiswerte Unterkünfte anzubieten.

Die Anmeldung erfolgt per Email an: gesellschaftnachtraeglichkeit@gmail.com. Die Teilnahme ist kostenlos. Bitte schreibt bei Fragen zum Workshop ebenfalls an diese Adresse.

Der Anmeldezeitraum endet am 31. Oktober.

Anregung oder Ausblick: mögliche Fragestellungen für Sonntag, den 8. November

Folgende Fragestellungen könnten am letzten Tag näher diskutiert werden:

1. Wie ist die Rede zu verstehen, dass die Sprache das Medium gesellschaftlicher Praxis ist? Warum ist die Sprache unhintergehbar, während wir doch alltäglich meist von einer klaren Geschiedenheit von Gesprochenem und Welt ausgehen? Es kann dabei nicht darum gehen, einen sprachlichen Idealismus wieder einzuführen, der eine Veränderung der Sprache mit einer Veränderung der Welt gleichsetzt.

2. In dem zu behandelnden Text wird gerade das Politische der Philosophie Adornos herausgearbeitet, indem die Form des Schreibens selbst als ein Politisches ausgelegt wird. Adornos Schreiben ist daher nicht einfach ein Plädoyer für die Theorie gegen die Praxis, sondern vollzieht eine andere Praxis der Theorie.

3. Im Text ist davon die Rede, dass das Missverstehen die notwendige Möglichkeit des Verstehens sei. Das klingt erst einmal widersprüchlich: Warum muss ich jemanden missverstehen können, damit ich ihn verstehe? Dies heißt gerade nicht, dass wir so dem Relativismus das Wort reden, dass doch eigentlich Missverstehen und Verstehen das Gleiche seien, sondern es geht ganz grundsätzlich darum, dass Missverstehen und Verstehen nur im gemeinsamen Vollzug zu unterscheiden sind. Wie ist es also zu denken, dass unsere konkrete Praxis auf ihr Scheitern nicht verzichten kann?

4. Müller entwickelt eine treffliche Kritik an der Auslegung der frühen kritischen Theorie durch Habermas oder Wellmer, so dass Adornos und Benjamins Versuche als die angemesseneren erscheinen – wie wird dies aber konkret vollzogen, wo wird im Text implizit eine Kritik am „linguistic turn“ betrieben?

[1] In folgendem Sammelband ist dieser Text enthalten: “…wenn die Stunde es zuläßt.” Zur Traditionalität und Aktualität kritischer Theorie, Münster 2012, S. 172-202 oder: 2012_Print_JM_Begriffliches_Sprechen.

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